Der Landbote 2007-10-30
Alltägliches Lernen per Mausklick
Onlinetests und virtuelle Gruppenarbeit: Lernende bekommen zunehmend Hilfe aus dem Internet. «E-Learning» ist angesagt.
Wenn Experten über «E-Learning» sprechen, fällt das Stichwort «Mehrwert». Die neuen Technologien sollen das klassische Lernen im Klassenzimmer oder aus dem Buch ergänzen. Angebote ohne Kurse, zu denen Dozenten und Lernende tatsächlich in einem Raum zusammenkommen, sind selten, sagt Urs Gröhbiel, Professor für Informationsmanagement an der Fachhochschule Nordwestschweiz. Er ist auch Geschäftsführer von Edunovum, einem Beratungsunternehmen für neue Lernformen.
«Die neuen Technologien haben ihre Stärken darin, bestehende Lernformen und das Selbststudium gezielt zu unterstützen», stellt Gröhbiel fest. Als ideal wird die Verbindung zwischen Präsenz- und OnIine-Unterricht angesehen. Internetplattformen eröffnen vielfältige Möglichkeiten, unabhängig von Zeit und Ort, Gelerntes nachzuarbeiten und zu vertiefen. Dort können Videos, Grafiken, Simulationen, Schriftstücke oder einfach die aktuellsten Fassungen von Lernmaterialien abgelegt werden. Der Lernende muss sich dann nicht mehr über die veraltete Ausgabe eines Lehrbuchs ärgern. Dabei gehen die Angebote im Netz oft über einfache Darstellungen durch Schrift und Bild hinaus. Der Lernende kann interaktiv üben, indem er beispielsweise Fragen beantwortet und sofort eine Rückmeldung bekommt. Im Idealfall können, angepasst an die Schwierigkeiten, Hilfen abgerufen werden.
«Angereicherter Unterricht»
Lernende haben zudem die Möglichkeit, sich auch außerhalb der Kurszeiten übers Internet auszutauschen, von zu Hause aus gemeinsam an einem Dokument zu schreiben oder Projektergebnisse ins Netz zu stellen. Auch Kursleiter können profitieren. So können sie Teilnehmer vorab zum Onlinetest laden, um sich Überblick zum Wissensstand zu verschaffen. Der Einsatz neuer Techniken kann Bildungseinrichtungen die Organisation von Kursen erleichtern, erfordert aber auch Investitionen. «Generell von Kosteneinsparung zu sprechen, ist nicht vertretbar» sagt Urs Gröhbiel.
Auch fast die Hälfte aller Schulen in der Schweiz arbeiten schon mit einer Online-Lernplattform. Das geht aus einer Untersuchung der Schweizer Fachstelle für Informationstechnologie und Bildungswesen hervor. Kostenfrei abrufbar sind beispielsweise 60 Lernprogramme, die Lehrer, Dozenten an Hochschulen und Studierende für verschiedene Klassenstufen und Fächer entwickelt haben. Sie stehen auf www. goodpractice.ch offen zur Verfügung.
Auch Universitäten bieten Plattformen für das ortsunabhängige Lernen an. Die Universität Zürich wurde gerade mit dem Publikumspreis «Medida-Prix» für seine Angebote im Fach Psychologie ausgezeichnet. 79 Lektionen helfen Studenten, vielfältige psychische Störungen zu erkennen und einzuordnen.
Das Lernen per Mausklick ist als ergänzendes Angebot nun auch bei den Migros Klubschulen im Aufbau. «Wir setzen auf den angereicherten Unterricht», sagt Alain Roth, Leiter Klubschule Business in Luzern. Er gehört dem Team an, das sich mit dem schrittweisen Ausbau der Lernplattform für alle Klubschulen in der Schweiz beschäftigt. Die Pilotphase sei abgeschlossen. Bis in einem Jahr solle allen Klubschulen auch ein virtuelles Klassenzimmer zur Verfügung stehen. Sie bieten spannende Möglichkeiten, den Präsenzunterricht zu ergänzen, ist Roth überzeugt.
Nicht nur Bildungseinrichtungen bauen virtuelle Klassenzimmer: «E-Learning ist vor allem in großen Unternehmen nicht mehr wegzudenken. Die Szenarien für seinen Einsatz müssen aber wohlüberlegt werden, um wirksam zu sein», sagt Matthias Langenbacher, Leiter Vertrieb der Schweizer Niederlassung der IMe. Das deutsche Unternehmen entwickelt ein computergestütztes Managementsystem für Aus- und Weiterbildung sowie individuell erstellte Lernprogramme. Die IMe bedient Großkunden wie die UBS, aber auch Hochschulen und mittelgroße Unternehmen.
Nur zielgerichtet wirksam
Das Internet erspare aber nicht den Einsatz von Menschen, stellt Langenbacher fest. «Man muss die Mitarbeiter einweisen, sie an der Hand nehmen. Einige Unternehmen haben dies zu wenig beachtet und sich Systeme angeschafft, die zu wenig genutzt wurden. Die meisten haben aber aus diesen Fehlern gelernt.»
Das Internet ist zu einem Hilfsmittel geworden, das auch in Bildung und Weiterbildung nicht mehr aus dem Alltag wegzudenken ist. Seinen vollen Nutzen kann es aber nur erreichen, wenn es zielgerichtet und im guten Zusammenspiel mit den andern Lernformen eingesetzt wird.
Claudia Rindt
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