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7. Januar 2003

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Zürich: Förderverein soll Gratiszugang zu preisgekröntem Internet-
Archiv-Lehrgang "Ad fontes" sichern


Bereits Uni-intern hatte "Ad fontes" Bestnoten erreicht, als es um die Auswahl finanzierungswürdiger Projekte der Informations- und Kommunikationstechnologie (ICT) ging. Im September 2002 erhielt das Projekt des Historischen Seminars gar den mit 50 000 Euro dotierten Medida-Förderpreis. Trotzdem: Gefährdet ist längerfristig der Gratiszugang.

Preisgeld in dieser Grössenordnung regnet nicht allzu oft über Projekte aus geisteswissenschaftlicher Küche. Auch der Medida-Preis, der zukunftsgerichtete mediendidaktische Arbeiten fördert, zeichnete erstmals ein entsprechendes Produkt aus. Offensichtlich hat der professionelle, nicht überladene Auftritt und die einfache, aber durchdachte Benutzung dieses archivkundlichen Internet-Lehrganges aus dem Historischen Seminar der Universität Zürich die Fachjury überzeugt (siehe unten).

Immerhin erlaubt der Preis jetzt in Ergänzung der Uni-Mittel die Fortführung der Arbeiten im nächsten Jahr. Dann wird es eng, wie Professor Roger Sablonier, unter dessen Ägide "Ad fontes" entstanden ist, erklärt. Trotz Förderung durch Bildungsdirektor Ernst Buschor leide die ICT-Fachstelle der Uni an Mittelschwund. Insbesondere der laufend notwendige Unterhalt der Seiten ab 2004 ist nicht mehr gewährleistet. Die Uni muss sich nun gemäss Sablonier überlegen, ob sie den Zugang künftig kostenpflichtig gestalten will.

Grundangebot für alle
Sablonier und mit ihm das Projektteam Andreas Kränzle, Sara Galle und Stefan Kwasnitza sind allerdings überzeugt, dass ein solches Grundangebot offen sein müsse. Das Lernprogramm entlaste den Präsenzunterricht und komme mit seiner Flexibilität den heutigen Studiengewohnheiten sehr entgegen. Auch von vielen deutschen Unis wird es in der Ausbildung genutzt. Aber auch das Feedback von Archiven, historischen Vereinigungen und Geschichtswerkstätten im deutschen Sprachraum ist sehr positiv. Insbesondere die Archivare schätzen es, wenn ihre "Kunden" vorbereitet erscheinen.

Das komplexe Projekt ist seit Januar 2001 für insgesamt rund 750 000 Franken mit professioneller Hilfe von Gerold Ritter (Firma e-hist) und Gestalter Yves Sablonier realisiert wurden. Anders als in Medizin und Naturwissenschaften erlaubt die personelle Situation am Historischen Seminar es nicht, Personal für die ständige Betreuung und die laufende Instruktion der Lehrpersonen freizustellen. Die Projektverantwortlichen haben deshalb vor ein paar Wochen einen Förderverein ins Leben gerufen.

Förderer zusammenbringen
Bereits ist ein ansehnlicher Kreis von Gönnern und Förderern zusammengekommen - übrigens mit einem recht deutlichen regionalen Akzent beidseits des Zürichsees. Neben der finanziellen Unterstützung geht es auch um die Verankerung des Lehrmittels ausserhalb der Zürcher Uni. Das Bedürfnis nach sorgfältiger, einfach zugänglicher archivkundlicher Unterweisung ist jedenfalls vorhanden. Das beweisen jene neuen Vereinsmitglieder, welche Sablonier und seinem Team erst bekannt sind, seit sie sich in die Mitgliederlisten des Vereins eingetragen haben. Das Projekt "Ad fontes" umfasst auch Weiterbildungsangebote für Spezialisten und interessierte Laien (siehe Internet). Im März finden zum Beispiel Kurse für Geschichtslehrer an Sekundar- und Mittelschulen zum Internet im Geschichtsunterricht oder Kurse, die sich auch an interessiert Laien richten, über den Umgang mit handschriftlichen Quellen statt, die auch in das Internetprogramm einführen und mit einer Exkursion nach Einsiedeln verbunden sind.

Einstieg in die Arbeit mit Quellen

Zürich: Einfache, aber durchdachte Konzeption interaktiven Lernens als Qualitätsmerkmal

"Ad fontes" ist ein schon sehr weit gediehenes, aber weiterhin im Aufbau befindliches Internet-Lehrmittel, das Studierende, aber auch weitere Geschichtsinteressierte mit der Auswertung und Einordnung handschriftlicher Quellen vertraut machen will. Im Prinzip simuliert das Projekt einen Besuch im Stiftsarchiv Einsiedeln, das als eines der wichtigsten Privatarchive in Europa über organisch gewachsene Bestände seit dem 10. Jahrhundert verfügt. So lässt sich via Internet ein realer Archivbesuch - auch eines anderen Archivs - gründlich vorbereiten.

Archiv, Training, Tutorium
Wer sich mit dem Programm vertraut machen will, steigt am besten über die Einführung ein. Dort sind die Angebote, Ziele und möglichen Lernstrategien näher erläutert. Üben lässt sich, wie man Archivalien überhaupt findet, wie man die alten Handschriften entziffert, Dokumente datiert, mit alten Massen, Gewichten und Währungen rechnet usw. Und zwar überall, wo es einen Internetanschluss und einen einigermaßen modernen Computer gibt.

Drei miteinander vernetzte Ebenen erlauben einen sehr flexiblen, auf die eigenen Bedürfnisse abgestimmten Zugriff auf die Lerninhalte. Das Archiv bietet praxisnahe, grössere Aufgaben zur Quellenauswertung an, die nach Themen wie Urkunden und Fälschungen oder Hofrechte und Weistümer gegliedert sind. Das Tutorium hält das Grundwissen bereit, das für die Lösung der Aufgaben, aber auch den konkreten Archivbesuch nötig ist. Und im Training schliesslich finden sich die Einzelübungen zum gezielten Erwerb der wichtigsten Fertigkeiten wie Lesen von Schriften bis 1800 oder Datieren der Dokumente. Ein Glossar und eine Sammlung von Ressourcen (Links, Literatur, Übersichten usw.) ergänzen das Angebot.

Nicht verzweifeln, Hilfe kommt
Wer sich eine Quelle zur Entzifferung vornimmt, kann auf die Hilfe des Programms zurückgreifen, das alle Lernschritte speichert. Über die Karteikartenreiter ist der Zugriff auf die andern Ebenen - zum Beispiel zur Übersicht über handschriftliche Abkürzungen - sofort und ohne mühsames Zurückklicken jederzeit möglich. Ist "Tipps anzeigen" angewählt, erscheint zu jedem Wort ein nützlicher Hinweis. Wer ein paar Wörter weit gekommen ist, kann sich über "Eingabe prüfen" in roter Farbe Fehllesungen anzeigen lassen. Und wer am Verzweifeln ist, erhält mit "Transskription anzeigen" die korrekte Lesung jedes Wortes und jeder Zahl. Für in Ehren ergraute Archivare wohl Zauberei.

       
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