Bildungspolitische Hintergründe  
       
     
     

Die Gesellschaft für Medien in der Wissenschaft e.V. (GMW) nimmt mit der Ausschreibung des MEDIDA-PRIX die Chance wahr, neue Gewichte in der Bewertung mediendidaktischer Projekte in der Hochschullehre zu setzen. Es geht dem MEDIDA-PRIX nicht primär darum, technisch und gestalterisch hervorragende Produktionen zu prämieren. Von derartigen media awards gibt es wahrlich genug. Die Zielrichtung des MEDIDA-PRIX leitet sich vielmehr aus der jahrelangen und oft frustrierenden Erfahrung ab, dass es anscheinend nicht ausreicht, gut gemachte mediendidaktische Produktionen hervorzubringen, um eine sichtbare und nachhaltige Implementierung neuer Medien in der Lehre zu erzielen, sondern dass mehr dazugehört.

Man kann immer wieder beobachten, wie die Projekte nach Ablauf der Förderperiode zuende gehen, ohne die intendierte Wirkung zu erzielen. Viele Projektfeuerwerke verglimmen, ohne Glut zu hinterlassen, und scheinen eine gewisse Erfolgsschwelle nicht überschreiten zu können. Auch scheint es nicht allein damit getan zu sein, größere Budgets für Leitprojekte zur Verfügung zu stellen, von denen zu erwarten wäre, dass sie allein aufgrund ihrer Qualität und Masse eine gewisse Nachhaltigkeit und Breitenwirkung bei der Nutzung multimedialer Systeme in der Lehre erzielen. Eine Vielzahl von Faktoren behindern einen Wandel in der mediendidaktischen Ausrichtung der Lehre.

Zu nennen sind hier nicht nur die

  • finanziellen Restriktionen

sondern auch

  • die mangelhafte Qualitätssicherung bei multimedialen Lehr- und Studiensystemen

  • ein geringer Entwicklungsstand der Evaluationsforschung auf dem Gebiet der Lehre

  • eine mangelnde (internationale) Markt-Transparenz

  • ein geringer Grad der inter- und intrauniversitären Koordination und Kooperation bei der Produktion und gemeinschaftlichen Nutzung multimedialer Lehr- und Studiensysteme

  • eine immer noch mangelnde Medienkompetenz der Lehrenden und Lernenden

  • die insgesamt innovationshemmende organisatorische Struktur öffentlich-rechtlicher Hochschulen

  • die mangelhafte technische Ausstattung der Hochschulen zur Nutzung derartiger Systeme

  • die hohen Kosten der Medienproduktion

besonders aber -

  • unklare rechtliche und politische Rahmenbedingungen für den Einsatz international verfügbarer Lehrmedien

  • und als sicherlich stärkste Restriktion: die fragilen Entscheidungswege und die daraus resultierende Schwäche der Hochschulen bei der Herausbildung strategischer Konzepte im Kontext der globalen Bildungsmärkte.

Die Liste der für die Entwicklung und den Einsatz multimedialer Lehr- und Studiensysteme restriktiven Faktoren ließe sich noch weiterführen. Eine Restriktionsanalyse gibt Hinweise auf die entscheidenden Faktoren (s. C. Brake, Politikfeld Multimedia, GMW-Reihe, Band 11). Dieses sind nicht einmal so sehr Faktoren wie mangelnde Finanzmittel oder fehlende technische Infrastruktur, sondern aufgrund ihrer systemischen Wirkung besonders die strukturellen Defizite wie die fragilen Entscheidungswege und die unklare strategische Einbettung mediengestützter Lehre in entsprechende Hochschulentwicklungskonzepte.

Es bleibt die Frage, wie denn angesichts dieser massiven und vielfältigen Restriktionen, die sich zudem gegenseitig bedingen und untereinander verflochten sind, eine nachhaltige Verankerung multimedialer Lehr- und Studiensysteme in der wissenschaftlichen Lehre gefördert werden kann. Diese Frage kann derzeit wohl niemand einfach beantworten.

Gleichwohl hat die Gesellschaft für Medien in der Wissenschaft mit dem MEDIDA-PRIX und durch die großzügige Ausstattung dieses mediendidaktischen Hochschulpreises durch die Bildungsministerien Deutschlands, Österreichs und der Schweiz die Möglichkeit, Akzente für die Politik der Projektförderung zu setzen. Ein wesentlicher Akzent ist sicherlich der, dass es dem MEDIDA-PRIX nicht darum geht, allein gut gemachte Einzelprojekte zu fördern, die über die gekonnte mediendidaktische Umsetzung spezifischer Inhalte nicht hinausgehen und nicht erwarten lassen, dass von Ihnen eine Wirkung ausgeht, welche die Implementierung multimedialer Lehr- und Studiensysteme nachhaltig voranbringt.

Es wird in der allgemeinen Zielsetzung des MEDIDA-PRIX und auch in den Kriterien für die Bewertung der Projekte großer Wert auf diesen das einzelne Projekt quasi transzendierenden Charakter gelegt. In diesem Zusammenhang erhebt sich die Schlüsselfrage in der Unterscheidung der Produkt- und der Prozessorientierung der Projekte. Das ist schwierig, denn trotz aller weiterführenden Ziele werden ja im MEDIDA-PRIX noch immer einzelne Projekte bewertet, die in "Fleisch und Blut" als Software vorliegen müssen.

Der MEDIDA-PRIX ist ein Ideenwettbewerb, durch den wir auf Projekte aufmerksam werden, die eine intelligente Antwort auf die vielfältigen Restriktionen geben, denen die Implementierung multimedialer Lehr- und Studiensysteme derzeit unterliegt. Projekte also, bei denen man sich sagt: "So könnte es vielleicht gehen."

Der MEDIDA-PRIX weist mit dem Doppelcharakter der Projekt- und Prozessorientierung auf ein Spannungsfeld, in dem sich auch die Förderpolitik IT-gestützter Lehre bewegt, nämlich dem zwischen Projektförderung und Strukturpolitik. Während wir wissen, dass die Förderung von Einzelprojekten nicht den langfristig nachhaltigen Effekt versprechen kann und die Organisations- und Personalentwicklung und weitere strukturpolitische Elemente in den Projekten mit angelegt sein müssen, bleibt kurzfristig keine andere Wahl, als die der Projektförderung: denn auf die Veränderung der Rahmenbedingungen zu warten, würde für die Implementierung der IT-gestützten Lehre das zeitliche "Aus" bedeuten.

Der MEDIDA-PRIX hat einen antizipativen Charakter. Die hier prämierten Projekte weisen über ihren Status als Projekte hinaus. Es werden hier Projekte prämiert, die in sich den Keim der Strukturpolitik tragen. Daraus leitet sich ein Appell an die Organisation Hochschule ab, diese Projekte nicht mit spitzen Fingern weit von sich halten und sie im Status von Versuchsballons zu halten, sondern daraus eine Herzensangelegenheit zu machen und sie in das "Kerngeschäft" zu übernehmen.

       
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