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      DUZ
11. Oktober 2002

Virtueller Patient

Der MedidaPrix, mittlerweile nicht nur wegen seiner 100 000 Euro Preisgeld ein Schwergewicht für die Szene der neuen Hochschulmedien, hat dieses Jahr in seinem Baseler Finale gleich drei Sieger gekürt.

Von Hans-Martin Barthold

Die Projekte, die es in die Endausscheidung geschafft hatten, waren so heterogen, aber auch so gut, da blieb der Jury keine andere Wahl als dieses salomonische Urteil“, kommentierte Dr. Christoph Brake das Ergebnis. Brake ist Chef des Veranstalters, der Gesellschaft für Medien in der Wissenschaft (GMW). Unter 167 Bewerbern, davon 28 aus der Schweiz und 25 aus Österreich, setzten sich am Ende „Campus-Pädiatrie“ von der Universität Heidelberg, „Casus: Fallbasiertes Lernen in der Medizin“ von der Universität München sowie „Ad fontes: Eine Einführung in den Umgang mit Quellen im Archiv“ von der Universität Zürich durch. „Ad fontes“ erhält 50 000 Euro Preisgeld, „Casus“ und „Campus“ je 25 000 Euro.

„Campus“ überzeugte
„Campus“, schon im vergangenen Jahr Finalist, und „Casus“ sind bereits ausgereifte Projekte, beide, wie Brake es formuliert, „schon in der Politik angekommen“. Tatsächlich schreibt die erst in diesem Jahr novellierte Approbationsordnung die in „Campus“ und „Casus“ virtuell praktizierte, problemorientierte und fallbasierte Wissensvermittlung verbindlich vor. „Ad fontes“ – seine Prämierung wohl auch Geste an das Gastgeberland – ist hingegen ein hoch interessantes Experiment und erhielt den Zuschlag deshalb mit der Auflage einer „Empfehlung“, nämlich die Übung des Handwerkszeugs zukünftig mit interpretativen Verfahren zu verbinden.

Wie alle Förderpreise prämiert so auch der „MedidaPrix“ nicht bloß schon Vorhandenes, besitzt er darüber hinaus ganz wesentlich hochschulpolitischen Aufforderungscharakter, hier an die multimedial noch sehr unterentwickelten Geisteswissenschaften. Nichtsdestotrotz verkörpert das Beispiel „Campus-Pädiatrie“ nahezu perfekt die von der GMW mit dem „MedidaPrix“ verfolgten Ziele. Das simulative computerbasierte Lehr-/Lernprogramm stellt wirklichkeitsnahe, multimedial aufbereitete Kasuistiken interaktiv bereit. Der Anwender in der Rolle des Arztes betreut Patienten in einer virtuellen Kinderklinik – „symptomorientiert und den realen Handlungsablauf klinikauthentisch abbildend“, betont der derzeit verantwortliche „Case-Engineer“ und Arzt im Praktikum Dr. Sören Huwendiek. Experten unterstützten durch Kommentare Anamnese, klinische Untersuchung, Diagnose und Therapie. Über eine Navigationshilfe können die Anwender jederzeit mit zusätzlichen diagnostischen Schleifen trainieren. „Campus“ ist in das reformierte medizinische Curriculum der Universität Heidelberg „Heicumed“ fest integriert und ebenso in das Projekt „Caseport“ des Bundesforschungsministeriums eingebunden. Eng ist auch die Zusammenarbeit mit einer Arbeitsgruppe aus der Medizinischen Informatik. In einem Netzwerk sind „Campus“, die Humboldt-Universität Berlin und die Universität Freiburg verbunden, es ist ohne weiteres auf andere klinische Fächer übertragbar und durch eine umfangreiche Evaluation des Fachbereichs Lernpsychologie solide qualitätsgesichert. Eine Übersetzung ins Englische steht unmittelbar bevor, desgleichen die Kooperation mit der Wayne State University School of Medicine/Detroit.

Die Exzellenz solcher Projekte wie „Campus“ zeigt freilich eines ganz deutlich. Erst wenn die Lehre einer Fachdisziplin als solche in Bewegung gerät, so wie bei der Medizin, erst dann haben auch die neuen Medien eine wirklich nachhaltige Chance. An „Ad fontes“ wird sich zeigen, ob umgekehrt auch die neuen Medien ein Fach sensibel für die eigene Not machen können. Die normierende Wirkung, die von ihnen ausgeht, kann indessen niemand übersehen und bedarf deshalb, die Freiheit von Forschung und Lehre garantierender, baldiger Antworten, sieht der Züricher Professor Dr. Roger Sablonier schon die nächsten Aufgaben. Dass die Universitäten sich der, durch die neuen Medien ausgelösten Diskussionen nicht mehr entziehen können, beweist das Beispiel des Vorjahressiegers „MathePrisma“ (DUZ 21/2001, S. 19). „Die Preisverleihung brachte uns in- und außerhalb der Hochschule viel Öffentlichkeit“, berichtet die Projektleiterin Stefanie Krivsky. Das Preisgeld habe das Projekt deutlich nach vorne gebracht. Und sie ist sich sicher: „Verschwinden werden wir nun nicht mehr“. Krivsky hofft, dass die Universität das Findelkind auch langfristig adoptiert.

Ganze Hochschule im Blick
Mit dem gleichen Zielhorizont denkt Christoph Brake vernehmlich darüber nach, schon im nächsten Jahr vielleicht eine komplette Hochschule zu prämieren. Der Hintergrund: die Wissenschaftsminister wollen die Programmförderung durch pauschale Transferleistungen ersetzten. Da könnten die neuen Medien schnell unter die Räder kommen, fürchtet der Mann vom „MedidaPrix“ (www.medidaprix.org). Und in der Tat dürfte die Ressourcenallokation dann in vollkommen neuen Entscheidungsarenen stattfinden. „Dafür sind die Hochschulen noch nicht ausreichend gerüstet“, mahnt Brake zur Vorsicht.

       
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