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      Computergenealogie
Magazin für Familienforschung
Newsletter Nr. 12/2002
http://www.computergenealogie.de

Wiltt du uß wysem wyn rotten machen ...
Ad fontes - mehr als nur ein Schriftenlesekurs


Das unter der Leitung des Augsburgers Andreas Kränzle am Historischen Seminar der Universität Zürich entwickelte Projekt http://www.adfontes.unizh.ch lässt sich nicht mit einem Stichwort beschreiben - lassen wir die Autoren ihr Konzept selbst erläutern: "Mit dem Internet-Lernangebot Ad fontes können Geschichtsstudierende über das Internet praxisnah den Umgang und die Auswertung von handschriftlichem Quellenmaterial lernen. An Beispielen aus dem Stiftsarchiv Einsiedeln kann das Lesen und Datieren sowie das Erschließen und Auswerten von Archivquellen interaktiv geübt werden. Dadurch kann das Gesamtangebot im Fachbereich Geschichte in der Hochschullehre nachhaltig verbessert werden: Ad fontes schafft eine gemeinsame Basis und fördert den fachwissenschaftlichen Austausch unter den Studierenden, Dozierenden und externen Fachleuten. Gewonnen wird mehr Zeit für fachlich orientierte, wissenschaftliche Diskussionen im Präsenzunterricht und für die Betreuung selbstständiger Forschungsarbeiten."

Dass der Internet-Kurs sich aber nicht nur an den wissenschaftlichen Nachwuchs richtet, sondern auch für die historisch (oder eben genealogisch) interessierte Öffentlichkeit frei zugänglich ist, dürfte mit dazu beigetragen haben, dass Ad fontes als erstes geisteswissenschaftliches Projekt mit dem von der Gesellschaft für Medien in der Wissenschaft verliehenen und mit 50.000 € dotierten "Medidaprix" ausgezeichnet wurde.

Obwohl man einfach als "Gast" herumstöbern kann, ist es für den ernsthaft Interessierten zu empfehlen, sich mit Name und selbst gewähltem Passwort anzumelden. Diese Anmeldung ist kostenlos, aber Voraussetzung dafür, dass der "Spielstand" bei Unterbrechung gespeichert bleibt und man auf diese Weise beim nächsten Besuch dort weitermachen kann, wo man zuletzt aufgehört hat.

Da das Projekt der Vorbereitung auf den Archivbesuch dienen soll, ist es auch als virtueller Archivbesuch aufgebaut: Es wird eine Aufgabe gestellt - und zuerst muss der Besucher anhand der vorhandenen Findmittel das gesuchte Dokument finden. Fast alle Beispiele stammen aus dem Stiftsarchiv Einsiedeln (Kanton Schwyz), das hier also gleichzeitig virtuell vorgestellt wird. Schon hierbei hilft das Tutorium durch eine knappe, aber anschauliche Darstellung des Grundlagenwissens. In den Trainingssitzungen werden schließlich die gefundenen Dokumente datiert und transskribiert.

Dabei kann auf Ressourcen zurückgegriffen werden, für die Datierung z.B. den "Grotefend": es kann entweder das Kalenderjahr oder das Osterdatum (wahlweise im Julianischen bzw. Gregorianischen Kalender) angewählt werden - eine generelle Hilfe für den Familienforscher.

Für den Einsteiger ist zu empfehlen, erst einmal im Tutorium herumzustöbern, um sich einen Überblick über die Inhalte zu verschaffen. Von dort aus kann man sich an die erste Archiv-Aufgabe machen - und bei Bedarf jederzeit zum Tutorium zurückkehren, um Hilfe zu holen. Wer jedoch gezielt einzelne Lerninhalte in Angriff nehmen will, tut das am besten über die entsprechenden Trainingseinheiten, z.B. zur Transskription.

Dem gerne ein gutes Glas Wein trinkenden Rezensenten springt hier natürlich das Rezept zur Herstellung von Rotwein ins Auge, das gleichzeitig beweist, dass ein solcher Kurs (im wörtlichen wie übertragenen Sinne) nicht notwendigerweise staubtrocken sein muss:

"Item wiltt du uß wysem wyn rotten machen, nim ein knollen stachell oder ein alte achs, daran stachel ist, und leg es in das trest." Es soll also stachel (Eisen), z.B. in Form einer alten Axt, in das trest (gärendes Traubengut) gelegt werden, um dem aus den am nahen Zürichsee vorwiegend angebauten weißen Trauben gewonnenen Wein die gewünschte, rote Farbe zu geben. Eisen war wohl die im Vergleich zu anderen Rezepten (Beeren, Wurzeln) geschmacksneutralste Variante.
(Wolf Seelentag)


       
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