Presse  
       
     
      Basler Zeitung
http://www.baz.ch
20. September 2002

Ein Kick für das virtuelle Lernen

Universitäres Lernen mit der Praxis verbinden, ohne die Uni verlassen zu müssen: Das ist das Ziel interaktiver Lernprogramme, wie sie der diesjährige Medida-Prix ausgezeichnet hat. In die Kränze kam auch die Uni Zürich mit dem virtuellen Erschliessen alter Schriftbestände.

Übung macht den Meister, der Umgang mit Patienten macht den guten Arzt. Doch die Verweilzeit der Patientinnen und Patienten im Spital, wo sie von angehendem medizinischem Fachpersonal besucht werden könnten, wird dank besserer Medizin und dem Kostendruck im Gesundheitswesen immer kürzer. Jene, die trotzdem das Spitalbett hüten, sind oft schwer krank oder verletzt. Besonders heikel ist der Umgang mit jungen Patienten, die zu fragil für häufige Visiten lernbegieriger Studierender sind.

Einen Weg aus dem Dilemma liefern die beiden E-Learning-Programme „Campus Pädiatrie“ der Uni-Kinderklinik Heidelberg und „Casus“, das an der Ludwig-Maximilians-Universität in München entwickelt wurde. Sie beide fragen nicht im Stil von Prüfungen Behandlungsschritte für gewissen Symptome ab, sondern lassen die Anwenderinnen und Anwender echte Fälle „lösen“. Die Abklärung beginnt wie im Krankenzimmer mit dem Erheben der Anamnese, dann stehen den Studierenden sämtliche bildgebende Methoden und andere Laboranalysen wie im dreidimensionalen Krankenhaus zur Verfügung.

„Campus“ ist zudem ergänzt durch ein Angebot von Multiple-Choice-Fragen sowie ein Lehrbuch, auf das man bei Fragen direkten Zugriff hat. „Campus“ und „Casus“ erhielten je 25 000 Euro Preisgeld des diesjährigen Medida-Prix der Gesellschaft für Medien in der Wissenschaft, deren Preisfonds wiederum von den Bildungsministerien Deutschlands, Österreichs und der Schweiz getragen wird. Zum dritten Mal wurde am Mittwochabend in der Barfüsserkirche der mit insgesamt 100 000 Euro dotierte mediendidaktische Hochschulpreis Europas vergeben. Dass es sich dabei nicht um blosse Projekte handelt, zeigt sich daran, dass nach anderen Hochschulen demnächst auch die Uni Basel „Casus“ ins Medizinstudium integrieren will.

Mit 50 000 Euro am höchsten belohnt wurde das Projekt „Ad fontes“ der Universität Zürich. Hier geht es um eine Einführung in den Umgang mit Quellen im Archiv. Statt sich mit 20 Studierenden in engen Bibliotheken auf die Füsse zu treten und wertvolle Handschriften durch Blättern zu malträtieren, können Wissensdurstige einen Archivbesuch simulieren und sich am Beispiel des Quellenbestands des Stiftarchivs Einsiedeln virtuell das Grundwissen im Umgang mit Handschrift-Bibliotheken erwerben.

Ein von Novartis mit 10 000 Franken gesponserter Publikumspreis ging an ein Projekt von der Universität Oldenburg, bei dem Anwendungen der Gentechnik in virtuelle Labore für das E-Learning individuell geübt werden können.

Die Fülle und Qualität der 167 Wettbewerbsarbeiten, von denen acht den Sprung ins Finale schafften, „zeigt, welch grosses Erneuerungspotential in Lehre und Forschung steckt“, lobte Gerhard Schuwey, Direktor des schweizerischen Bundesamts für Bildung und Wissenschaft (BBW). Neue Medien könnten zum Motor für die Modernisierung und Modularisierung der Universitätsbildung werden, die Qualitätssicherung erhöhen und eine bessere Betreuung der Studierenden erlauben. Schuwey betonte auch die Wichtigkeit pädagogischer Hilfsmittel, die es zum Erfolg von Förderprogrammen unbedingt brauche. „Interaktives Lernen mit dem selbständig Wissen erarbeitet wird, braucht es ebenso wie die persönliche Lehre“, so Schuwey.

An die Universität Basel als Veranstalterin des Medida-Prix 2002 erging das Kompliment des Amtsdirektors, sich schon seit Jahren durch eine beispielhafte Erneuerung der Lehre und mit internationalen Kooperationen hervorgetan zu haben.

Neben der mediengerechten Aufarbeitung und dem reformorientierten Ansatz sei denn auch bei der Bewertung der Projekte ein wichtiges Kriterium gewesen, ob sie sich tatsächlich weiterentwickeln und umsetzen liessen, so Jury-Sprecher Paul Burger. Überraschend war angesichts der hoch stehenden Wettbewerbsbeiträge das aufwändig inszenierte Umfeld der Preisverleihung. So störte etwa eine Stimme aus dem Off die Redebeiträge konsequent bis zur Unverständlichkeit – ein Paradebeispiel dafür, wie man neue Medien auf keinen Fall einsetzen soll.

Pieter Poldervaart

       
    zurück zum Anfang dieser Seite